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Rückblick Bretagne 2022, 1. Etappe, Tag 1-3, Paris, Plurien, Rennes und Forêt de la Brocaillande

In den nächsten Wochen werde ich hier unseren  Sommerurlaub in der Bretagne ein bisschen aufbereiten, nehme euch mit an viele schöne Orte und teile mit euch, was wir erlebt haben.

Starten wir also mit den ersten  Etappen.

28.07.2022 – 29.07.2022 Rodgau – Paris, Paris – Plurien

Start um Mitternacht, wir kommen sehr gut durch, die Hunde schlafen friedlich, Paris erreichen wir um 6 Uhr früh und parken am Gare de Lion.

Der Versuch, in  Paris zu wiederholen, was wir vor Jahren in Florenz erlebt haben  (das einzigartige Erlebnis, eine pulsierende Touristenmetropole in den frühen Morgenstunden völlig entspannt und mit einzigartigem Zauber zu erleben), erweist sich als schwierig: Paris erwischen wir in einer Ecke, die frühmorgens extrem unattraktiv ist, nirgendwo findet sich ein gescheites Café und den Marktbeschickern beim Aufbauen zuzusehen, führt auch nur dazu, dass der als besonders attraktiv geltende Marché d’Aligre am Place d’Alligre uns ob der sehr zweifelhaften hygienischen Verhältnisse und dem wenig einladenden Umgang mit den Lebensmitteln (bis auf ein paar Ausnahmen) überhaupt nicht zum Einkaufen einlädt.

Hungrig und voller Erwartung harren wir aus, bis die die ersten Bäcker und endlich auch die Markthallen am Place d’Alligre öffnen – wir hätten getrost eine Stunde länger schlafen und später losfahren können, wir hätten überhaupt nichts verpasst.

Die kleine Markthalle erweist sich dann allerdings als wahre Schatztruhe und wir kaufen Käse, Butter und frische Pasta fürs Abendessen.

Adresse:
Place d’Alligre, 12. Bezirk, die Markthallen öffnen ab 9 Uhr (sonntags und montags laut meinen Recherchen geschlossen).

Bevor wir weiterfahren machen wir Station im Café „Dreamin Man“, das Boris über Instagram entdeckt hat. Hier herrscht abseits vom Touristenprogramm ein wunderbare, kosmopolitische Atmosphäre mit durchweg sympathischem Publikum unterschiedlichster Nationen und Sprachen und hier bekommen wir auch endlichen einen guten Kaffee.

Adresse: 140 Rue Amelot, keine Website, Instagram dreaminman_paris

Fazit und erstes Learning:
Paris ist nicht Florenz, Erfahrungen sind Erfahrungen und Zufälle nicht planbar. Aber alles gut.

Die Weiterfahrt von Paris nach Plurien über die Landstraße entpuppt sich als sehr viel anstrengender als gedacht – es zieht sich wie Kaugummi und die Landschaft ist alles andere als einladend. Die Vorstellung, dass wir zwischendurch immer wieder in netten Dörfern rasten, Kaffee trinken und eine Kleinigkeit essen können, erweist sich als völlig illusorisch – anderes als Fernfahrerkneipen und Schnellimbisse entdecken wir nicht. Und die vielfach beschworenen dickköpfigen Landwirte, die mit schwerem Gerät die Straße blockieren ohne jemals rechts ran zu fahren  („Der Schrecken der Bretonischen Landstraßen – Traktoren – die mitunter von besonders sturen Bauern gefahren wurden“*), haben wir auch mehrfach vor uns gehabt. Essen gab’s dann im Auto auf dem Parkplatz eines Bioladens – Baguette, Käse und ein paar Oliven. Richtig schön wird es erst kurz vor unserem Ziel und da sind wir schon total „durch“ und wollen nur noch ankommen.

Fazit und zweites Learning:
Die Mautgebühr für die Strecke Paris-Rennes ist ziemlich sicher eine gute Investition und Etappenziele sollte man besser vorher definieren.

*Zitat aus Jean-Luc Bannalec, „Bretonische Nächte“: “

29.07.2022 – Plurien 


Plurien, Marktplatz

Plurien empfängt uns mit einen wunderschönen Wochenmarkt (immer freitags vormittags auf dem Platz vor der Kirche) und ganz tollen Produkten (die besten Erdbeeren, die wir je gegessen haben, einer wunderbare Crème Fraiche einer kleinen Ferme, frischen Austern, wunderbarem Fisch…) und wir decken uns erst mal fürs Frühstück und das Abendessen ein.

Zwischendurch gibt’s einen Kaffee und eine Crêpe in der Bar des Dorfes. Sie gehört zur örtlichen Charcuterie (Adresse unten) und Boris hat sie schon im Vorfeld ausfindig gemacht – hier wird alles verkauft, was man so braucht, auch wunderbare hausgemachte Patés. Ein frisches Baguette bekommt man hier ebenfalls jeden Tag. Was wir auch gleich probieren, weil es so exotisch klingt, dass wir’s hinter uns haben wollen, ist die „Galette-Saucisse“, eine Grillwurst, die in eine Galette eingewickelt wird. Sie entpuppt sich als besonders lecker – wir mögen sie sehr und bedauern es später, dass sie nur an Markttagen angeboten wird.

Café und Charcuterie sind in fester Hand der Familie Hennef  – ein Schild vorm Haus zeigt alle Familienmitglieder und erläutert die Verwandtschaftsverhältnisse, so dass man im Bilde ist, wer wo das Sagen hat – sehr praktisch…

Adresse:
Boucherie, Charcuterie Artisanale, Bar „Le Tue-Mouche“, Placee de l’Eglise, 22240 Plurien, Tel. 0296721760
unbedingt probieren:
Galette Saucisse (immer samstags), hausgemachte Salami, Schinken und Pates.

Fazit und drittes Learning:
Oft ist es dort am schönsten, wo man es am wenigsten erwartet. 

30.07.2022 – Rennes, Wochenmarkt und kurzer Bummel zur Kathedrale

Um 7:15 Uhr, wir sind endlich startklar für unsere Tour nach Rennes. Der Hund unserer Vermieterin verabschiedet uns und schaut uns so traurig hinterher, dass ich ihn am liebsten mitnehmen würde, während unsere beiden augenscheinlich überhaupt keine Lust auf einen Ausflug haben.

Trotz der frühen Uhrzeit sind wir „eigentlich“ ein bisschen zu spät, denn die Fahrt (rund 100 km) erstaunliche anderthalb Stunden dauern  und – wie wir gestern nachgelesen haben – ist der Markt sowohl bei Einheimischen als auch bei Touristen extrem beliebt. Naja, wir lassen uns überraschen.

Es dauert eine halbe Stunde bis wir auf der „Vierspurigen“, der N12 in Richtung Rennes sind und damit wird uns auch klar, wie die lange Fahrzeit zu Stande kommt – die Überlandfahrten sind einfach ein Zeitfresser.

Wir erreichen den Marktplatz in Rennes um 8:40 Uhr und stellen erfreut fest, dass es ein Parkhaus direkt am Markt  gibt, das mit 1,60 € die Stunde auch überraschend günstig ist – perfekt für einen ausgedehnten Marktbesuch. Dank Tiefkühltruhe in unserem Ferienhäuschen und Kühlbox im Auto  sind wir bestens ausgerüstet.

Der erste Blick fällt auf die riesigen Fischstände und wir kaufen begeistert ein, was sich auch als sinnvoll erweist, denn wir stellen später fest, dass die Fischstände als erste ausverkauft sind (ab ca. 11 Uhr gibt es dort nur noch „Reste“).

Dann schlendern wir durch die beiden Markthallen (Hunde sind kein Problem) und sind vollkommen absorbiert von dem gigantischen Angebot. (Bio-)Fleisch, Käse, Geflügel, Eier, Brot, Gebäck, Honig, Butter – Köstlichkeiten wohin das Auge blickt… Und obwohl ich weiß, dass wir in St. Malo nochmal im „Maison du Sarrasin“ einkaufen werden, nehme ich auch diverse Buchweizenmehle mit – ich möchte sie einfach ausprobieren, weil ich neugierig bin auf die Geschmacksunterschiede und wir lieben nunmal Buchweizengalette, die es nun wahrscheinlich dreimal die Woche geben wird…

Ab ca. 10 Uhr füllt sich der Markt immer mehr, was meine Laune sehr trübt, denn man steht  den interessanten Ständen wirklich lange an. Da wir noch Gemüse brauchen, hat das zur Folge, dass Boris stundenlang mit den Hunden im Schatten steht und auf mich warten muss, außerdem habe ich die Nase dann wirklich gestrichen voll, bin gereizt und meckere nur noch… Morgens brauche ich einfach meinen Kaffee und werde komisch, wenn ich nichts zu essen  bekommen und so machen wir uns auf, ein Café zu suchen.

Gleich neben der Kathedrale finden wir eines, das zwar nicht ganz günstig ist, aber sehr nett (auch die Speisen von der Tageskarte sind zu empfehlen!). Und da wir hier gut und schön mit den Hunden im Schatten sitzen, können wir nacheinander die wunderschöne Kathedrale anschauen – perfekt…

Adresse: Bistro Cocagne, 12 Rue des Dames

Fazit und viertes Learning:
Der Wochenmarkt in Rennes lohnt sich unbedingt, ist aber schnell sehr voll. Es ist sinnvoll, früh da zu sein, erst ein bisschen zu schlendern und dann aber zügig den Einkaufszettel abzuarbeiten, sonst wird es schnell stressig…  

 

Forêt de la Brocaillande

Tréhorenteuc, Forêt de la Brocaillande (Wald der Arthus-Sage): Eglise du Gral, Anschlagtafeln an der Touristeninformation vor der Kirche; hier starten auch die Gruppenführungen

Für den Nachmittag nehmen wir uns vor, einen Abstecher in den Forêt de la Brocaillande zu machen – einen nicht unerheblichen „Schlenker“, auf den ich bestanden habe, weil ich ihn – natürlich von Jean-Luc Bannalec und Kommisar Dupin inspiriert*  – unbedingt sehen wollte.

Der Umweg erweist sich nach dem langen Vormittag und angesichts des hohen Temperaturen als nicht ganz so klug. Boris hat merklich die Schnauze voll und ich will nun aber unbedingt Tréhorenteuc (knapp 50 km westlich von Rennes) und Paimpont sehen, koste es, was es wolle. Es ist heiß, die Hunde sind müde und hungrig und so richtig Spaß kommt nicht mehr auf.

Trotzdem bin ich sehr beeindruckt von der kleinen Kirche in Tréhorenteuc und auch im Nachhinein möchte ich den Ausflug dann eben doch nicht missen, auch wenn es nur ein Abstecher war und ich mich unter dem Druck der drei anderen Zwei- und Vierbeiner doch versuche zu beeilen. Und ja: hier sind wir nicht allein, viele Touristen besuchen diesen Ort, was uns mal wieder zu einer Diskussion darüber führt, ob solcher Touristenziele für uns richtig sind – ich meine schon, denn sonst verpassen wir auch Sehenswertes, Boris ist der Meinung, er könnte prima darauf verzichten.

Tréhorenteuc: Im Innern der Eglise du Gral („Sainte-Onenne“) aus dem 17. Jahrhundert – mit wunderschönen Glasfenstern und dem berühmten Mosaik mit dem weißen Hirsch. Hier finden Kommissar Dupin und seine Kollegen in „Bretonische Geheimnisse“ das uralte Manuskript, die Urquelle der Arthustexte.

Sehr gerne würde ich beim nächsten Mal sogar eine Führung in den Wald machen, die uns an die besonders interessanten Orte – z.B. das „Grab des Merlin“ und das „Haus der Fee Viviane“  führen würde. Kann man natürlich auch alles selber suchen (sagt Boris), kann man aber auch ganz einfach im Rahmen einer Führung sehen, ohne viel Planungsarbeit zu haben (die an mir hängenbleibt). Da scheiden sich bei uns also wieder die Geister, am Ende des Tage, hat Boris  (der so gar kein Gruppenmensch ist), mir aber die Zusage gemacht, dass wir’s ausprobieren werden…

Paimpont: Der mystische Waldsee der Arthus-Sage mit seinem rot-schimmernden Grund; Dupins Bar/Restaurant „Le Brecilien“, das aber leider in Wirklichkeit nicht (wie im Roman) direkt am See gelegen ist.

Schließlich fahren wir noch nach Paimpont, aber da liegen wirklich schon die Nerven blank und Boris schimpft nur noch über die Touristen (die meiner Meinung nach die gleiche Daseinsberechtigung haben, wie wir auch…). Nicht mal ein Kaffee ist mehr drin, nur eine ganz kurze Stippvisite im Ort und und ein paar Fotos am See, dann beschließen wir den Tag und fahren zurück nach Plurien (worüber ich dann selber auch ganz froh bin…).

Den Abend lassen wir mit einem leckeren Essen mit all unseren Schätzen auf der Terrasse ausklingen.

Fazit und ein weiteres Learning:
Viel wollen heißt nicht, viel erleben. Kommt immer drauf an…

*Kleine Randbemerkung zu Komissar Dupin, auf den ich im nächsten Post noch näher eingehen werde: Etwa zwei Monate vor dem Urlaub machte Boris mich auf eine Krimi-Serie von Jean-Luc-Bannalec aufmerksam, dessen Romane allesamt in der  Bretagne spielen und gespickt sind mit kulturellen Hinweisen und kulinarischen Empfehlungen. Was zu Folge hatte, dass wir wochenlang im Hörbuch-Fieber waren und dann „alles“ sehen wollten…

Wem es genauso geht, findet hier eine fantastische Website mit allen Dupin-Orten:

Im Vorbeifahren gesehen und für interessant befunden:
https://la-drosera.fr/

Dialog zwischen den Kulturen – mein Interview mit Mehmet Susever

Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung.

Mehmet blättert im Buch von Lutz Geißler, das ich mitgebracht habe („Die besten Fladenbrote der Welt“).      Er ist begeisterter Brot- und Pizzabäcker und folgt dem „Plötzblog“

 

Für das aktuelle Interview in meinem Podcast (Calas Welt – der Podcast, hier) bin ich im Dezember 2021 nach NRW gereist und habe in Bad Oeynhausen Mehmet Susever besucht – Unternehmer, Gärtner, Segler, Koch und Bäcker aus Leidenschaft. Ein Mann der in seinem Leben schon viele Visionen zum Leben erweckt hat und unermüdlich neue Ideen umsetzt.

Im Interview berichtet er, wie er als Kind einer „typischen“ Gastarbeiterfamilie in Deutschland Fuß gefasst und seine Firma Nautical Elements aufgebaut hat. Mehmet erzählt, wie sein Traum von einem eigenen Segelschiff in Erfüllung gegangen ist, wie sich sein Leben nach einem Herzinfarkt im Jahr 2012 verändert hat und warum es ihm so wichtig ist, zu teilen und immer wieder Menschen mitzunehmen, die ihm auf seinem Weg begegnen.

Mehmet ist sehr herzlich und zugewandt. Wir haben eine sehr schöne Zeit miteinander verbracht, in der er sich viel Zeit für uns genommen, die Türen und das Herz für uns geöffnet hat.

Wenn du ein wirklich schönes Interview mit einem sehr interessanten Menschen hören möchtest, dann lad‘ dir die Folge unbedingt runter – du findest den Podcast über diesen Link, aber auch über alle gängigen Podcast-Apps („Calas Welt – der Podcast“)

Da wir für das Interview ausnahmsweise vor Ort waren und ich gemeinsam mit Mehmet kochen, backen, experimentieren und philosophieren durfte, ist diesmal auch viel Bild- und Videomaterial entstanden, von dem ich dir hier einiges zeigen möchte.
Du wirst aber auch auf meinen Instagram-Profilen Calaswelt und Calakocht in den nächsten Tagen Bild- und Videomaterial finden.

In Mehmets Küche auf dem Firmengelände von Nautical Elements wird (ein-)gekocht und experimentiert, es gibt einen Dörrofen und eine Getreidemühle, einen großen firmeneigenen Garten und ein Gewächshaus. Mehmet probiert hier Gewürze, Aromen und verschiedene Lebensmittel aus – zum einen, weil er für die Lebensmittelbranche arbeitet und deren Verarbeitungsprozesse studiert, zum anderen, weil er Projektideen in kulinarischer Richtung hat, für die hier der Grundstein gelegt werden soll. Kulinarisch schwärmt Mehmet aber natürlich auch für die wunderbaren Aromen seiner ersten Heimat, der Türkei. Außerdem ist er ein leidenschaftlicher Brot- und Pizzabäcker. Er hat mir ein paar seiner Lieblingsrezepte verraten – du findest sie auf meinem Blog „Cala kocht“ (hier).

Mitten im Winter hat Mehmet den Grill angeworfen, weil er mir zeigen wollte, dass man Brot auch hervorragend im Grill backen kann. Und da der Grill schon mal heiß war, zeigte er mir auch noch, wie man Gemüse vom Grill ganz einfach zu einem leckeren Salat verarbeiten kann.

Gemeinsam haben wir eingelegte Auberginen gemacht, die roh nach einer traditionellen Methode haltbar gemacht werden und unglaublich lecker sind.

Da ich selber auch etwas an Ideen beisteuern wollte, habe ich passend dazu die Zutaten für ein Auberginen-Chutney mitgebracht, das ich schon lange einmal ausprobieren wollten. Das Rezept stammt aus dem Buch „Chakall kocht“ aus dem DK-Verlag. Das Buch ist zwar schon etwas älter, aber ab und zu stöbere ich immer noch gerne darin. Für das Chutney (S. 103) werden Zwiebeln, Auberginen und Orangen mit Gewürzen eingekocht. Da das Rezept nicht von mir stammt, kann ich es nicht auf den Blog stellen und verweise hiermit auf das Original.

Was ich von meiner Reise nach NRW und meinem Interview mit Mehmet mitgenommen habe?

Vor allem, dass es richtig ist, an sich selbst und die eigenen Visionen zu glauben, dass es möglich ist, seine Träume zu verwirklichen, selbst wenn sie die Größe von Segelschiffen und Windkrafträdern haben und dass es sich wirklich lohnt, auch gegen Widerstände dafür loszugehen.

Ich habe aber auch mitgenommen, dass Menschen, die Großes erreichen, nicht zwingend die Bodenhaftung verlieren müssen. Manchmal sind es Menschen wie du und ich, die ganz einfach in ihrem persönlichen Umfeld die Dinge tun, die ihnen wichtig sind und richtig erscheinen und die dabei trotzdem nicht den Kontakt zu ihren Mitmenschen verlieren, sondern neugierig sind und Begegnungen als Chance wertschätzen, sich einzubringen.

Paula Modersohn-Becker – Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert umfassende Retrospektive

Paula Modersohn-Becker, geboren am 08. Februar 1876 in Dresden als Minna Hermine Paula Becker, gilt gemeinhin als eine der bedeutendsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus. Ganz korrekt ist das jedoch nicht, denn tatsächlich greift sie Merkmale ganz unterschiedlicher Stilrichtungen auf. Trotz ihres frühen Todes hat Paula Modersohn-Becker ein umfassendes Werk hinterlassen, von dem die Schirn jetzt knapp 120 Exponate zeigt – die erste Ausstellung der Malerin in Frankfurt seit 1977.


Paula Modersohn-Becker, Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag, 1906
Öltempera auf Pappe, 101,8 x 70,2 cm
Museen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen
(c) Schirn_Presse_Modersohn-Becker_Selbstbildnis.jpg
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Paula Modersohn-Becker bekam früh Zeichenunterricht, besuchte dann aber auf Wunsch des Vaters zunächst ein Lehrerinnenseminar. Sie verbrachte viel Zeit in der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen, wo sie vor allem Mädchen und Frauen portraitierte. Sie hat dort allein rund 400 Bilder von Jugendlichen (meist Mädchen) geschaffen. Mehrere Aufenthalte in Paris, wo sie auch Unterricht nahm und die gerade erst für Frauen freigegebenen Aktklassen besuchte, beeinflussten ihr Werk.

Ihr „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ aus dem Jahre 1906 (Bild oben) gilt als das erste Akt-Selbstporträt einer Künstlerin.

links: Portrait der Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff (1905)
rechts: Selbstbildnis mit blauem Glas (1902)
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Schirn_Presse_Modersohn-Becker_Portraitfoto_um_1895.jpg, Paula Becker, um 1895
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Paula Modersohn-Becker ist nicht daran gelegen, detailgetreu die Wirklichkeit abzubilden, vielmehr fangen ihre Bilder vor allem Stimmungen und Charaktereigenschaften ein. Da sie den Modellen kein üppiges Honorar zahlen kann, sind es meist Menschen aus der einfachen Landbevölkerung, die sie portraitiert, einige sogar mehrfach.

Paula Modersohn-Becker stirbt bereits mit 31 Jahren am 20. November 1907 in Worpswede an einer Embolie –  18 Tage nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde.


PAULA MODERSOHN-BECKER, Ausstellungsansicht © Schirn
Kunsthalle Frankfurt 2021, Foto: Norbert Miguletz
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Die klug angelegte und sehr sehenswerte Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt läuft noch bis zum 06. Februar 2022.

Ausstellung
Paula Modersohn-Becker
Schirn Kunsthalle Frankfurt
08.10.2021 – 06.02.2022
Informationen und Preise hier

PAULA MODERSOHN-BECKER, Ausstellungsansicht © Schirn
Kunsthalle Frankfurt 2021, Foto: Norbert Miguletz

 

Besessen vom Kochen und Essen – mein Interview mit Elisabeth Bronfen

Diese Beitrag enthält Werbung.

Eine ganz tolle Frau hatte ich da als Interviewgast bei mir:

Die in Zürich lebende ist Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen ist Professorin für Anglistik und Lehrstuhlinhaberin am Englischen Seminar der Universität Zürich, außerdem Global Distinguished Professor an der New York University. Sie hat zahlreiche Veröffentlichungen in den Bereichen Gender Studies, Psychoanalyse, Literatur-, Film- und Kulturwissenschaften.

Im Echtzeit-Verlag hat sie 2016 ein Kochbuch herausgebracht, das den schönen Titel „Besessen“ trägt und viel mehr ist als eine Sammlung von Rezepten.

Wir sprechen über das Kochen und Essen als Leidenschaft, die Faszination für gute Lebensmittel, die Freude am Einkaufen auf Wochenmärkten und andere Leidenschaften.

Den Podcast „Calas Welt“ findet du auf allen gängigen Podcast-Apps und über diesen Link:

https://www.cala-kocht.de/?podcast=calas-welt-der-podcast-nr-70-besessen-vom-kochen-interview-mit-der-kulturwissenschaftlerin-und-buchautorin-elisabeth-bronfen

(Hör-)Buchempfehlung: Victoria Mas, Die Tanzenden

Werbung wegen Kooperation mit Osterwold audio

Als „Nachklang“ zu Weltfrauentag möchte ich dieses wunderbare (Hör-)Buch empfehlen.

Ich denke, wir Frauen sollten uns durchaus immer mal wieder bewusst machen, dass es gar nicht so lange her ist, dass wir praktisch keinerlei Rechte hatten und existentiell abhängig waren von dem Wohlwollen der Männer in unserer unmittelbaren Umgebung (Väter, Ehemänner, Brüder).

„Die Tanzenden“ ist ein preisgekrönter Bestseller von Victoria Mas, der im vorliegenden Hörbuch ungekürzt hervorragend gelesen wird von der Schauspielerin Wiebke Puls.
438 Minuten reines Hörvergnügen…

Wie viele andere Frauen, die nicht in das von Männern geprägte Bild passten, landet auch Eugénie im März 1885 in der Salpêtrière, der berühmten psychiatrischen Anstalt von Paris, wohin man gerne auch Frauen „wegdekorierte“, die man daheim – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr haben wollte. In vielen Fällen waren diese Frauen weder geistig noch körperlich krank, sondern erfüllten einfach nicht die gängigen Klischees und Erwartungen der Gesellschaft. Andere sind Opfer von männlicher Gewalt, die man – statt die Männer zu Rechenschaft zu ziehen – einfach in eine Anstalt wegsperrte, wo sie dann wieder Opfer von Männergewalt wurden – diesmal  in Form von medizinischen Experimenten, die man an den „hysterischen“ Frauen vollzog.

Victoria Mas erzählt von einigen wenigen Tage in der Salpêtrière und gibt uns einen Einblick in diese Frauenwelt. Die Erzählung ist sprachlich schön, sehr weiblich, spannend und klug komponiert. Die fiktive Geschichte orientiert sich dabei an historischen Fakten (z.B. hat es das „Buch der Geister“, das Eugenie zum Verhängnis wird, tatsächlich gegeben).

Neben aller Erleichterung darüber, dass wir heute als Frauen ein deutliches Stück weiter sind, ist mir im Reflektieren über diese Zeit dennoch einmal mehr klar geworden, dass wir Frauen von echter Freiheit vermutlich immer noch weit entfernt sind. 150 Jahre sind so gesehen eben auch keine lange Zeit…

Victoria Mas
Die Tanzenden
gelesen von Wiebke Puls
6 CDs, 438 Minuten Laufzeit
ISBN 978-3-86952-444-3
Osterwold audi 2020
20,00 €

Meine Welt am Mittwoch, 04. November 2020

Zwei Monate ist es jetzt her, dass wir Seni gehen lassen mussten und es fühlt sich immer noch falsch und unwirklich an. Noch immer stehen viele Sachen von ihr bei uns so, wie an ihrem letzten Tag und es fällt mir ungeheuer schwer diese Erinnerungen auf- oder wegzuräumen.

Heute habe ich es endlich geschafft, die Box sauber zu machen, in der wir sie zur Einäscherung nach Darmstadt gebracht hatten und in der sie dort ein paar Tage gelegen hat. Sie stand erst lange mit einer Kerze und Blumen bei uns auf der Terrasse, bis das Wetter schlechter wurde und wir sie in die Garage gebracht haben. Die Decken konnte ich dann nach einer Weile (aber unter großen Schmerzen…) immerhin mal waschen, die leere Box stand wochenlang weiter in der Garage – ohne Sinn und ohne Nutzen, aber es kostet mich unglaublich viel Überwindung, diese Sachen zu verräumen, statt sie als Erinnerungen überall stehen zu haben.
Letzteres wäre mir lieber, macht aber aus praktischen Gründen aber nicht wirklich viel Sinn.

Und trotzdem kann ich nur portionsweise und in sehr großen Abständen an die Dinge herangehen und danach setze ich mich dann – wie heute – aufs Fahrrad und kaufe Blumen für den Altar. Ist das Trost? Ich weiß es nicht.

Tröstend ist es, allein zu sein und mit ihr zu sprechen.
Abends, im Dunkeln, am liebsten im Garten.
Das ist zum Ritual geworden, so wie die Kerze dort auch, an dem Platz, an dem sie an ihrem letzten Morgen gelegen hat, als sie schon gar nicht mehr richtig bei uns war.

Das Anny bei uns ist, tröstet auch, aber sie ist nicht Seni und Seni fehlt uns allen – auch ihr.

Anny schläft jetzt immer öfter in Senis Nest und mittlerweile kann ich das auch aushalten und vertreibe sie nicht mehr. Vielleicht ist es so, dass es ihr ähnlich geht wie mir und dass sie verzweifelt nach Spuren von Seni sucht und sich tröstet mit dem, was von ihrem Leben bei uns geblieben ist.

Ich bin nicht ununterbrochen traurig.

Ich kann meiner Arbeit nachgehen, habe Freude und kann lachen. Aber ich bin und bleibe Senis Mama und damit auch der Mensch, dem sie auf ewig unendlich fehlen wird.

Ich erlaube mir, das zu fühlen, auszuhalten und zu teilen, wenn ich mag.

PS: Alle hier gezeigten Fotos sind Fotos, auf denen Seni noch lebt und schläft.

In unendlicher Dankbarkeit – Seni 03/2003 – 04.09.2020

„Seelenhunde hat sie jemand genannt – jene Hunde, die es nur einmal geben wird im Leben, die man begleiten durfte und die einen geführt haben auf andere Wege. Die wie ein Schatten waren und wie die Luft zum Atmen.
Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz.

Meine Welt hat ihren Glanz verloren
und ich einen Teil meiner Seele.

Alles, alles hätte ich getan, um dich nicht hergeben zu müssen.

Und doch ist da neben der unfassbaren Trauer und diesem verheerenden Schmerz eine unendlich große Dankbarkeit für die vielen, vielen Jahren und zig-fach „Nachschlag“…

Ich weiß, dass du nicht gehen wolltest und wir haben bis zuletzt jeden noch so kleinen Zipfel vom Glück gepackt und zusammen das Leben geliebt.

Mein tapferes, wunderschönes,
unendlich geliebtes kleines Mädchen.

meine Welt im Januar & Februar

…ausgelesen…

Anne Frank Tagebuch (Fischer Verlag)
Anne Frank die letzen sieben Monate (Fischer Verlag)

Auf Instagram habe ich ja schon mehrfach gepostet, dass ich seit meinem Besuch im Anne-Frank-Haus in Amsterdam im Dezember nochmal völlig im Bann dieser Geschichte stand…

 

 

…weitergelesen…


Ich glaube ich sagte es schon: dieser Ortheil liest sich für mich zäher als diee anderen, auch wenn er toll ist und es unendlich viel zu entdecken gibt…

…angefangen…

Ja, nochmal Anne Frank, auch wenn ich merke, dass das Thema mich langsam auch wieder loslassen darf…

Jetta Carleton ist das perfekte Buch für die S-Bahn. Die wunderschöne, kleine stoffbezogene Ausgabe aus dem KIWI-Verlag habe ich im Oxfam-Shop meines Vertrauens für 3 € erstanden…

…was mir Freude gemacht hat…

unser Podcast-Termin mit Jason und Mirco von Juterczenka (hier)
der Besuch auf der diesjährigen Biofach
(mehr dazu auf meinem Instagram-Kanal „Cala kocht“)

…was ich empfehlen kann…
Broadchurch (NETFLIX)
Peaky Blinders (NETFLIX)
Jasons Buch „(T)raumschiff Erde“

…was ich ausprobiert habe…
…unseren Lieblings-Wochenmarkt in Aschaffenburg mit Bus & Bahn zu besuchen, statt das Auto zu benutzen – klappt viel besser als gedacht!

…den Reklamationsservice des RMV
für 3 Stunden Warten gibt’s immerhin 4,30 € zurück – werde ich jetzt öfter nutzen, so oft, wie der RMV ausfällt, kommt ein schönes Sümmmchen zusammen…

…was ich weggegeben habe…
weiterhin Kleidung, Haushaltsgegenstände, es nimmt einfach kein Ende…

…was ich mir gegönnt habe…
einen wunderschönen Pullover (natürlich gebraucht)

…was mir aufgefallen ist…
…dass mein „emotionales Badewasser“ oft kein sehr gemütliches ist
(danke an Laura Malina Seiler für die Anregung darüber nachzudenken…)

…was mich nervt…
dass Störungen im RMV im digitalen Zeitalter gehandhabt werden, als wären wir  im Mittelalter

…worauf ich stolz bin…
dass ich mich vom RMV nicht unterkriegne lasse
und immer mehr Strecken ohne Auto zurücklege

…worauf ich mich im März freue…
…Frühling…

neue Podcastfolge: Klimaschutz geht uns alle an – Interview mit Jason und Mirco von Juterczenka

Müde sehen wir aus nach über 2 Stunden Podcast und der dazugehörigen Vorbereitung – das Foto entstand kurz bevor Jason und Mirco wieder abgereist sind.

In dieser Folge spreche ich mit Jason von Juterczenka, 14 Jahre alt, Asperger-Autist, Wissenschaftler und Klimaschützer und mit seinem Vater Mirco von Juterczenka.

Die beiden haben jede Menge Projekte auf die Beine gestellt, unterstützen gemeinsam die Neven-Subotic-Stiftung, podcasten unter „Radiorebell“, haben zwei Bücher geschrieben und sind Menschen, die mit Leidenschaft für eine bunte, gerechte und tolerante Welt und den Erhalt unserer Lebensgrundlagen kämpfen.

Durch ihren persönlichen Einsatz zeigen sie, dass wir selber bei diesen Themen viel mehr gefordert sind, als wir es uns oft selber eingestehen möchten.

Meinen Podcast – mit sämtlichen Shownotes – findest du hier und in allen gängenigen Podcast-Apps.

Ich wünsche dir viel Spaß beim Hören und freue mich sehr über Feedback – gerne hier über die Kommentar-Funktion.